Buchrezension: �Shiprocked� von Steve Conway


Steve Conways neues englischsprachiges Buch �Shiprocked� fesselt den Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Es schildert die dramatischen letzten Sendejahre des Seesenders Radio Caroline an Bord der Ross Revenge von 1987 bis 1990. Mastbr�che, versagende Technik, ��berfall� der niederl�ndischen und englischen Beh�rden, Versorgungsm�ngel, aber auch bewundernswerte Kameradschaft mit Mobilisierung aller Kr�fte zum Erhalt des legend�ren Senders machen das Buch zur spannenden Lekt�re und zum �Muss� f�r jeden Offshore-Radio-Fan. W�hrend eines Hurrikans im November 1991 gaben die letzten 6 Aufrechten an Bord schlie�lich auf und wurden von einem Helikopter gerettet.

Der Autor begann als gerade 22 Jahre junger Nachrichtensprecher im Februar 1987 an Bord und arbeitete dort sp�ter auch als Diskjockey und Programmverantwortlicher.

F�r den interessierten Leser hier einige Anmerkungen, die das Vergn�gen an dem l�ngst �berf�lligen, lesenswerten Buch keineswegs schm�lern sollen:
Im Vergleich zur Leichtigkeit und Aufm�pfigkeit der 60er Jahre (�fun and exitement�) und den �coolen� Hippiejahren der 70er bei Radio Caroline spiegelt sich sowohl in diesem 80er-Jahre-Buch als auch in den damaligen Caroline-558-Sendungen der Wunsch nach Ernsthaftigkeit und Seriosit�t wieder, vielleicht st�rker noch: Der verzweifelte Wille, nicht nur ernstgenommen zu werden sondern letztlich zu �berleben, sich und dem Sender wie auch immer eine Zukunft zu sichern. Fast scheint es, als begleite man das krebskranke Ph�nomen �Radio Caroline� auf seinem unausweichlich t�dlich endenden letzten Weg. Es fehlt an �l, Geld und Nahrungsmitteln, und die technische Apparatur versagt immer wieder an allen Ecken und Kanten, aber der kranke Patient beugt sich noch ungez�hlte Male auf, leistet verzweifelten Widerstand gegen seine vorgezeichnetes Schicksal. Nur selten sp�rt man, dass es auch Spa� und Freude an Bord gab, und nur einmal wird ein �practical joke� mit Mark Warner geschildert (f�r die die beteiligten DJs aber sogleich vom strengen Kollegen Kevin Turner abgestraft werden).

So gut wie nie werden Alkohol- oder gar Drogenexzesse geschildert (weil sie tats�chlich kaum vorkamen?). Auch Sexualit�t spielt in Steves Buch kaum eine Rolle (trotz so mancher Frauen an Bord). Homosexualit�t scheint ein Tabu, das der aus strengen katholischen Verh�ltnissen stammende irische Autor in seinem Buch niemals anspricht. Man merkt sofort: Es herrschten in Wirklichkeit ganz andere Verh�ltnisse vor, als sie in dem Kinofilm �The Boat That Rocked� (deutsche Fassung: �Radio Rock Revolution�) fiktiv zur Darstellung kamen.

Steve �bernimmt und verfeinert als Programmchef das strenge Musikformat der Station, das von Peter Philips ausgekl�gelt wurde und das dem DJ � im Gegensatz zu den 60er und 70er Jahren � nur wenige Freiheiten lie�. Naser�mpfend �u�ert er sich �ber die chaotische Zeit zu Beginn der Sendungen von der Ross Revenge 1983/84, als �der eine Reggae, der andere Blues� spielte. Und an seinem Kollegen Dave Asher mit seiner ungez�gelten, spontanen, impulsiven Haltung vor dem Mikrofon und seinen gek�nstelten sprachlichen Akzenten l�sst er zun�chst kaum ein gutes Haar. Umso entt�uschter reagiert er, als er ausgerechnet von seinem so hochgesch�tzten Kollegen Peter Philips kritisiert wird, manches h�tte �noch besser laufen� k�nnen unter seiner Leitung�

Besonders auffallend ist die tragende und alle anderen deutlich beherrschende Rolle der �Vaterfiguren� Peter Chicago, Mike Watts und Ernie Stevenson (allesamt erfahrene Techniker). Aber auch Peter Philips, Kevin Turner und schlie�lich Steve Conway selbst �bernehmen Verantwortung und sorgen f�r die notwendige Disziplin an Bord, der sich (fast) alle anderen unterordnen. So wirkt in Steves Erz�hlung der nur 5 Jahre j�ngere �Little� Steve Masters vergleichsweise fast wie ein (allerdings ebenfalls sehr angepasstes) Kind. Als pl�tzlich und unerwartet mit dem skurrilen Kapit�n Jim eine weitere Vaterfigur auftaucht, wird diese schnell als �v�llig inkompetenter� Eindringling weggeekelt.

Auffallend ist der riesige Abstand zu den H�rern, die nur am Rande im Buch erw�hnt werden. Man bedenke allerdings, dass der Kontakt nur per Brief � mit Umweg �ber Spanien � m�glich war. Zur damaligen Zeit gab es an Bord gab es weder Telefon noch SMS, E-Mail, Chat oder Twitter � es scheint, als l�ge die Erz�hlung schon Lichtjahre zur�ck. Nur einmal ist vom Besuch einiger � zum Teil fast etwas st�rend erlebter � �Anoraks� die Rede. Als tatkr�ftiger, einfallsreicher Unterst�tzer an Land erweist sich vor allem Steves Freund John Burch vom �Caroline Movement�, einer Organisation begeisterter H�rer, ohne die die Ross Revenge zweifellos viel fr�her am Ende gewesen w�re.

Von legend�ren Tenderkapit�n Leendert Vingerling ist �berraschender Weise niemals die Rede (immer nur von �Willie and Freddie�). Das Verh�ltnis zwischen den Niederl�ndern und den Engl�ndern wird im �brigen als sehr distanziert beschrieben. Beide �Lager� begegnen sich mit Misstrauen und Argwohn. Konkurrenzdenken und Neidgef�hle werden deutlich (so wurden die Niederl�nder bezahlt, aber die englischen DJs mussten sich � ohne Bezahlung � f�r verschiedene Aufgaben an Bord verantwortlich zeigen). F�r mich bislang unbekannt ist die Szene aus dem Sommer 1987, als die gesamte englische Crew mitten in der Nacht bewaffnet auf das Eintreffen des niederl�ndischen Tenders Bellatrix wartet, weil man Fred Bolland Verrat unterstellt und auf den (niemals realisierten) Wechsel von Radio Monique zur MV Communicator eingestellt ist (Peter Chicago an Bord der Bellatrix gibt dann Entwarnung). Die Niederl�nder schienen in Steves Augen zwar unerl�sslich als Geldgeber f�r die Sendungen von Radio Monique und sp�ter Radio 558/819 und World Mission Radio), wurden scheinbar aber mit wenigen Ausnahmen (Ad Roberts, Erwin van der Bliek) keine richtigen Freunde.

�berraschend spielt der ��bervater� Ronan O�Rahilly als graue Eminenz bis zum Schluss des Buches eine tragende Rolle. Immer wieder trifft sich Steve mit ihm in der King�s Road. Ronan macht Vorschl�ge, gibt Anweisungen und �berreicht sogar mehrfach � unter dem Tisch � gr��ere Geldsummen! Mit dem seltsamen und vor allem kostspieligen Fiberglasmast aus Kanada setzt er sich gegen�ber allen Bedenkentr�gern problemlos durch und erleidet damit v�lligen Schiffbruch. Erstaunlicher Weise l�sst sich Steve im Sommer 1991 von ihm �berreden, als �Caretaker� das l�ngst von allen guten Geistern verlassene und seit Monaten still schweigende Sendeschiff auf hoher See monatelang zu bewachen, gemeinsam mit seiner Freundin und 4 Kollegen, ohne Seeleute und ohne Kapit�n�

Dr. Martin van der Ven
 


Shiprocked. Life on the waves with Radio Caroline.
Autor: Steve Conway

Publisher: Liberties Press, Dublin Ireland 2009
211 Seiten mit verschiedenen Farbfotos
ISBN: 978-1-905483-62-4
www.LibertiesPress.com
Zu beziehen �ber www.rcsocietysales.co.uk/books.html

 

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